Wie du mit „Show, don't tell“ deinen Erzählstil verbesserst

Ein guter Erzählstil lässt Leser:innen nicht nur wissen, was in einer Geschichte passiert, er lässt sie die Handlung, Gefühle und Figuren miterleben. In diesem Artikel erfährst du, wie du mit „Show, don’t tell“ deinen Erzählstil lebendiger und anschaulicher gestaltest, Figuren greifbarer machst und bewusst entscheidest, wann du zeigen und wann du erzählen solltest.

Inhaltsverzeichnis

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und schreibt viel Text in ein offenes Notizbuch.

Was ist „Show, don’t tell“?

„Show, don’t tell“ gehört zu den bekanntesten Grundsätzen des kreativen Schreibens. Übersetzt bedeutet „Show, don’t tell“ so viel wie: Zeige, statt zu erzählen.

Doch was genau ist damit gemeint? Am besten lässt sich das an einem Beispiel verdeutlichen:
Wenn du schreibst: „Mala ist nervös“, gibst du deinen Leser:innen eine Information. Du erzählst ihnen, wie Mala sich fühlt. Sie wissen, dass Mala nervös ist, müssen sich aber nicht unbedingt vorstellen, wie sich diese Nervosität bemerkbar macht. Beschreibst du dagegen, wie Mala in Gedanken die Sekunden zählt und unruhig mit dem Fuß wippt, können Leser:innen selbst erkennen, was in ihr vorgeht. Du zeigst ihnen, wie Mala sich fühlt, ohne es konkret zu benennen. Sie bekommen nicht nur eine Information, sondern erleben die Situation stärker mit.

„Show, don’t tell“ ist keine starre Regel, sondern ein erzählerisches Prinzip, das dir hilft, bewusst zu entscheiden, wie du eine Information vermitteln möchtest. Manche Dinge wirken stärker, wenn du sie zeigst, andere lassen sich besser direkt erzählen. Entscheidend ist, welche Wirkung du an einer bestimmten Stelle erzielen möchtest.

Merke dir:
Erzählen: Informationen direkt nennen oder erklären.
Zeigen: Durch beschreibende Sprache, Wahrnehmungen und Handlungen Hinweise geben, aus denen Leser:innen auf Emotionen und Informationen schließen können. Sie müssen dabei selbst mitdenken.

Warum ist „Show, don’t tell“ beim Schreiben wichtig?

Eine Geschichte zu erzählen, ist zunächst gar nicht so schwer. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie so zu erzählen, dass Leser:innen in die Handlung eintauchen, mit den Figuren mitfühlen und sich die beschriebenen Szenen lebendig vorstellen können. Das Leseerlebnis entscheidet letztlich darüber, ob eine Geschichte ihre Leser:innen wirklich erreicht und nachhaltig in Erinnerung bleibt.

„Show, don’t tell“ hilft dir dabei, Gefühle zu transportieren und Figuren zu charakterisieren. Durch konkrete Handlungen, Wahrnehmungen und Reaktionen bleiben deine Leser:innen näher am Geschehen, anstatt die Handlung nur aus der Distanz erklärt zu bekommen. Das macht Geschichten spannender und fesselt deine Leser:innen. Sie erfahren nicht nur, was eine Figur fühlt, sondern können die Situation aus ihrer Perspektive miterleben. Besonders bei emotionalen oder dramatischen Momenten kann das einen großen Unterschied machen. In solchen Szenen geht es darum, möglichst nah bei der Figur zu bleiben.

Nicht nur die Handlung der Geschichte, sondern die Figur selbst kannst du mit „Show, don’t tell“ greifbarer machen und ihnen mehr Tiefe verleihen. Statt Leser:innen direkt zu erklären, wie eine Figur ist oder was sie fühlt, kannst du diese Informationen durch Handlungen, Reaktionen, Gedanken, Dialoge und Wahrnehmungen vermitteln. So entsteht nach und nach ein Bild der Figur, das die Leser:innen selbst zusammensetzen können.

Ein weiterer Vorteil von „Show, don’t tell“ besteht darin, dass du deinen Leser:innen vertraust und ihnen Raum für eigene Schlussfolgerungen gibst. Sie müssen nicht jede Bedeutung fertig erklärt bekommen. Stattdessen können sie zwischen den Zeilen lesen, Hinweise miteinander verbinden und selbst herausfinden, was eine Figur empfindet oder warum sie sich auf eine bestimmte Weise verhält. Dadurch interagieren sie stärker mit der Geschichte und den Figuren und bleiben interessiert.

Wie kannst du „Show, don’t tell“ einsetzen?

Es gibt viele Möglichkeiten, Informationen zu zeigen und deine Geschichte sowie deine Charaktere zu entwickeln. Im Folgenden geben wir dir hilfreiche Tipps an die Hand, wie du Gefühle und Figuren mit dem „Show, don’t tell“-Prinzip schreibst und für deine Leser:innen greifbarer machst. Dafür stellen wir dir verschiedene erzählerische Mittel vor, die dir dabei helfen, mit Worten Bilder in den Köpfen deiner Leser:innen zu erzeugen und Informationen zu zeigen, statt sie nur zu erklären.

Wortwahl und Satzbau

Sprache ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um eine Geschichte lebendig zu erzählen. Mit konkreten Beschreibungen, Vergleichen und bildhaften Details kannst du Informationen so vermitteln, dass Leser:innen sich eine Situation besser vorstellen und sie unmittelbarer erleben können. Dabei spielen sowohl deine Wortwahl als auch dein Satzbau eine wichtige Rolle. Sie können etwas über eine Figur und ihre Gefühle verraten, eine bestimmte Atmosphäre erzeugen und beeinflussen, wie Leser:innen eine Szene wahrnehmen.

Schon die Wortwahl kann Hinweise auf die Persönlichkeit oder den Zustand einer Figur geben. Jemand, der Angst hat, nimmt seine Umgebung möglicherweise anders wahr und beschreibt sie anders als jemand, der sich sicher und entspannt fühlt. Auch der Satzbau kann die Stimmung einer Figur widerspiegeln. Eine aufgeregte Figur könnte beispielsweise in kurzen, abgehackten Sätzen denken, während eine ruhige Figur ihre Umgebung ausführlich und genau betrachtet.

Besonders wirkungsvoll sind prägnante Verben und konkrete Nomen. Sie machen Handlungen anschaulicher und vermitteln gleichzeitig zusätzliche Informationen. Schreibe statt „geht“ beispielsweise „hastet“, „schlendert“, „taumelt“ oder „trottet“. Das Verb beschreibt nicht nur die Bewegung genauer, sondern kann gleichzeitig etwas über die Stimmung der Figur verraten.

Auch konkrete Nomen können dabei helfen, Bilder im Kopf der Leser:innen entstehen zu lassen. Statt allgemein von einem „Fahrzeug“ zu schreiben, kannst du beispielsweise einen „verbeulten Kleinwagen“ oder einen „glänzenden Sportwagen“ beschreiben. So entsteht sofort eine konkretere Vorstellung, ohne dass du die Wirkung des Details ausführlich erklären musst.

Eindrucksvolle und lebendige Sprachbilder erzeugst du mithilfe von beschreibenden Adjektiven und Vergleichen:

  • eine eisige Kälte
  • ein flackerndes Licht
  • ein endloser Horizont
  • Sein Herz hämmerte wie wild gegen seine Rippen.
  • Seine Stimme zitterte wie ein Blatt im Wind.

Beispiel:

Tell:
„Jonas hatte Angst. Er ging langsam durch den dunklen Wald. Er war nervös, entdeckt zu werden, und sah sich immer wieder um.“

Show:
„Jonas schlich durch den dunklen Wald. Ein Knacken. Er hielt den Atem an und blickte hastig über die Schulter. Er starrte in die Schwärze der Nacht. Sind sie ihm auf der Spur? Wie haben sie ihn so schnell gefunden? Wieder ein Knacken. Diesmal näher. Kalte Panik packte ihn. Er spurtete los. Erst als seine Lunge brannte wie Feuer, blieb er keuchend stehen. Er presste eine Hand gegen seine Seite. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Messerstich.“

Hier zeigen bereits die Worte „schlich“, „hastig“ und „starrte“, dass Jonas angespannt ist. Auch die kurzen Sätze und die Fragen vermitteln seine Anspannung, ohne dass sie ausdrücklich benannt werden muss. Die Vergleiche „brannte wie Feuer“ und „fühlte sich an wie ein Messerstich“ machen seine körperliche Erschöpfung und den Schmerz unmittelbar spürbar.

Körpersprache und Mimik einsetzen

Eine Emotion kannst du in den meisten Fällen mit einer Geste oder Mimik unterstreichen.

Beispiel:

Statt „Er war unsicher“ könntest du schreiben: „Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah kurz zu Viki.“
Die Figur muss nicht sagen, dass sie unsicher ist. Ihr Verhalten vermittelt es.

Allerdings solltest du auch hier auf Abwechslung und Glaubwürdigkeit achten. Wenn jede nervöse Figur an ihren Fingern knabbert und jede wütende Figur die Fäuste ballt, wird die Darstellung schnell vorhersehbar. Körpersprache funktioniert besonders gut, wenn sie konkret zur Figur passt, realistisch ist und die Formulierung noch nicht abgenutzt ist. Klischeehafte Beschreibungen und Floskeln wirken unoriginell und verlieren dadurch an Wirkung.

Wichtig ist, nicht jedes Gefühl mit den immer gleichen körperlichen Reaktionen darzustellen. Zitternde Hände, geballte Fäuste oder aufgerissene Augen können funktionieren, wirken aber schnell klischeehaft, wenn sie ständig wiederkehren. Überlege deshalb, welche Reaktion zu deiner konkreten Figur und Situation passt.

Tipp: Ein hilfreicher Trick beim Schreiben ist, dir eine Szene wie einen Film vorzustellen. Was würde man sehen, wenn die Kamera auf deine Figur gerichtet wäre? Wie würde sie sich bewegen, was würde sie tun und worauf würde sie reagieren? Wie würde das auf die Zuschauenden wirken?

Das Handeln einer Figur

Anstatt ein Gefühl direkt zu benennen, kannst du beschreiben, woran es sich im Handeln der Figur bemerkbar macht.

Beispiel: 

Tell: „Er hatte Angst.“

Show: „Er blieb abrupt vor der Tür stehen. Seine zittrige Hand schwebte über der Klinke. Er war wie versteinert. Alles, was er hörte, war das gehetzte Donnern in seiner Brust.“

Die Angst wird hier nicht ausdrücklich genannt. Trotzdem können Leser:innen sie aus dem Verhalten der Figur ableiten.

„Show, don’t tell“ eignet sich allerdings nicht nur dazu, die Gefühle einer Figur sichtbar zu machen. Auch Charaktereigenschaften lassen sich über konkrete Handlungen vermitteln, indem du zeigst, wie sie sich in einer bestimmten Situation verhält.

Beispiel:

Statt zu schreiben: „Alina war eine sehr hilfsbereite Person“, kannst du zeigen, wie sie handelt:

„Alina verstaute ihre Einkäufe in ihrem Rucksack und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Als sie über den Supermarktparkplatz hastete, bemerkte sie einen alten Mann, der sich mit einer Hand auf seinen Gehstock stützte und mit der anderen nach seinen Einkäufen griff, die verstreut auf dem Asphalt lagen.
Alina überquerte die Straße, kniete sich hin und sammelte die Sachen wortlos ein.

„Hier“, sagte sie mit einem Lächeln und hielt dem Mann seine Tasche entgegen.

Er bedankte sich verlegen. Alina winkte ab und machte sich auf den Weg, die Straße wieder zu überqueren. Ein Blick auf ihr Handy verriet ihr, dass sie spät dran war. Sie beschleunigte ihre Schritte. Mit etwas Glück würde sie den Bus noch erwischen.“ 

Die Eigenschaft „hilfsbereit“ wird dabei nicht ausdrücklich genannt. Die Handlung liefert den Beweis dafür. Leser:innen können selbst daraus schließen, dass Alina ein hilfsbereiter Mensch ist.

Solche kleinen Handlungen können oft mehr über eine Figur verraten als eine direkte Beschreibung. Sie machen Charaktereigenschaften außerdem glaubwürdiger, weil die Leser:innen nicht einfach die Behauptung des Erzählers übernehmen müssen, sondern diese beim Lesen selbst erfahren. Dabei muss eine Figur nicht bei jeder Gelegenheit „beweisen“, wer sie ist. Gerade wiederkehrende kleine Verhaltensweisen können mit der Zeit ein vielschichtiges Bild entstehen lassen.

Du möchtest deine Figuren gezielt entwickeln?
Um bei der Charakterisierung deiner Figuren nicht den Überblick zu verlieren, kann es hilfreich sein, einen Charakterbogen anzulegen. Darin kannst du wichtige Eigenschaften, Gewohnheiten, Erfahrungen und weitere Merkmale deiner Figur festhalten.

Sinneseindrücke

Eine weitere Möglichkeit, „Show, don’t tell“ einzusetzen, sind Sinneseindrücke. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen können eine Szene unmittelbar erlebbar machen.

Beispiel:

Statt zu schreiben: „Es war ein kalter Wintertag“, könntest du die Kälte über konkrete Wahrnehmungen vermitteln:
„Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Bei jedem Atemzug brannte die kalte Luft in ihrer Kehle.“

Die Jahreszeit und die Temperatur müssen nicht ausdrücklich genannt werden. Die Leser:innen können sie aus den Details erschließen. Auch Gerüche, Geräusche oder Berührungen können eine Szene prägen: der Geruch eines bestimmten Parfüms, das Prasseln von Regen am Fenster, die Wärme einer Hand oder das unangenehme Kratzen eines Wollpullovers. Solche Details machen eine Umgebung greifbarer und können gleichzeitig Erinnerungen oder Emotionen in einer Figur auslösen.

Dabei gilt jedoch nicht: Je mehr Sinneseindrücke, desto besser. Entscheidend ist, welche Details relevant sind. Eine Beschreibung sollte nicht zur bloßen Aufzählung werden, sondern eine bestimmte Atmosphäre schaffen und die Leser:innen die Szene miterleben lassen.

Dialoge

Auch Dialoge eignen sich hervorragend, um Figuren zu charakterisieren und zu zeigen, statt nur zu erzählen. Nicht nur der Inhalt eines Gesprächs verrät etwas über eine Figur, sondern auch ihre Ausdrucksweise, ihr Satzbau, ihre Art zu antworten und die Dinge, die sie bewusst nicht sagt. Besonders wichtig ist hierbei der sogenannte Subtext. Gemeint ist das, was hinter den gesprochenen Worten steckt. Eine Figur kann etwas sagen und gleichzeitig etwas ganz anderes meinen.

Wenn du einen Dialog schreibst, sollte dieser nicht nur dazu dienen, Informationen an die Leser:innen weiterzugeben. Frage dich auch, was deine Figuren mit ihren Worten erreichen wollen. Was verschweigen sie? Was versuchen sie zu verbergen? Worauf reagieren sie nicht? Und was sagen sie vielleicht gerade deshalb, weil sie etwas anderes nicht aussprechen können?

Beispiel:

„Schon wieder zuhause?“, fragte Finn ungläubig und blickte über den Rand seines Buches auf.
„Die Party war langweilig“, entgegnete Oskar, während er seine Schuhe auszog.
Finn schwieg und musterte ihn aufmerksam.
„Du hättest mitkommen sollen.“
Finn zuckte mit den Schultern. „Du hattest bestimmt genug Gesellschaft.“ Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch in seiner Hand zu.
Oskar hielt inne. „Was soll das heißen?“
Finn sah ihn an, sagte aber nichts.
„Was soll das heißen, Finn?“
Einen Moment lang sagte keiner von beiden etwas. Sie starrten sich nur an.
Oskar atmete tief aus und wandte sich ab. „Ach, vergiss es.“

Die Bedeutung von Subtext wird hier deutlich: Finn sagt nicht, dass er eifersüchtig oder verletzt ist. Auch Oskar spricht nicht direkt aus, was ihn an Finns Unterstellung missfällt. Die Spannung entsteht durch die kurzen Antworten, die Blicke, das Schweigen und die unausgesprochenen Vorwürfe.

Subjektive Wahrnehmung

Besonders wirkungsvoll wird „Zeigen, nicht erklären“, wenn du die Welt durch die Wahrnehmung deiner Erzählfigur filterst. Zwei Menschen können sich im selben Raum befinden und trotzdem völlig unterschiedliche Dinge wahrnehmen.

Beispiel:

Eine Figur, die Stammgast in einem Lokal ist, nimmt vielleicht sofort wahr, dass die Bedienung heute eine andere Frisur trägt, setzt sich auf ihren gewohnten Platz und bestellt, ohne einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. Ein gesuchter Dieb achtet dagegen darauf, wer wann den Raum betritt, beobachtet ganz genau das Verhalten der anderen Personen, bleibt für sich und möchte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dadurch kannst du gleichzeitig Informationen über die Umgebung und über die Figur vermitteln.
Du solltest dich beim Beschreiben einer Szene fragen:

  • Was würde meine Figur gerade tatsächlich bemerken?
  • Was ist für sie wichtig?
  • Was übersieht sie?
  • Welche Details fallen ihr aufgrund ihrer Erfahrungen oder Gefühle besonders auf?

Diese Fragen helfen dir außerdem dabei, Infodumping zu vermeiden. Wenn du umfangreiche Informationen über eine Welt, eine Stadt oder ein Magiesystem direkt erklärst, kann der Text schnell wie ein Informationsblock wirken und beim Lesen negativ herausstechen.

Überlege stattdessen, welche Informationen für die Figur in diesem Moment logisch und relevant sind und wie sie diese wahrnimmt oder nutzt. Das kannst du ganz einfach überprüfen, indem du dich fragst: Ist diese Information gerade für meine Figur relevant oder nur für die Leser:innen?

Wenn deine Figur beispielsweise seit zwanzig Jahren in einer Stadt lebt, muss sie nicht plötzlich darüber nachdenken, wann die Stadt gegründet wurde, nur damit die Leser:innen diese Information erfahren. Überlege stattdessen, ob du die Information durch das, was deine Figur gerade wahrnimmt, denkt oder tut, ganz nebenbei vermitteln kannst – indem sie beispielsweise durch die Stadt läuft und die Plakate bemerkt, auf denen für das 100-jährige Stadtjubiläum geworben wird.

Gedanken

Die Gedanken einer Figur zeigen, was in ihr vorgeht. Innere Monologe vermitteln nicht nur ihre Gefühle. Die Leser:innen erfahren so indirekt auch etwas über ihre Persönlichkeit, Erfahrungen und ihre Sichtweise auf eine Situation.

Zwei Charaktere können dieselbe Situation erleben und trotzdem ganz unterschiedliche Dinge daraus schließen. Während eine optimistische Figur vielleicht sofort nach einer harmlosen Erklärung sucht, vermutet eine misstrauische Figur möglicherweise eine Lüge. Auch die Fragen, die sie sich stellt, und die Schlussfolgerungen, die sie daraus zieht, geben den Leser:innen Hinweise darauf, wie sie eine Situation bewertet.

Noch interessanter als das, was eine Figur denkt, ist jedoch, was sie bewusst nicht denken möchte. Versucht sie, eine unangenehme Erinnerung zu verdrängen? Wechselt sie gedanklich das Thema, sobald es um eine bestimmte Person geht? Redet sie sich etwas schön, obwohl sie eigentlich längst weiß, dass etwas nicht stimmt? Auch solches Ausweichen kann etwas über ihren inneren Zustand verraten.

Beispiel:

Statt zu schreiben „Er war misstrauisch“ kannst du seine Gedanken in einem inneren Monolog wiedergeben:

„Warum hatte sie mir nicht geantwortet? Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Sie hatte doch sonst immer ihr Handy in der Hand. Sie hat die Nachricht bestimmt gelesen. Zufall. Bestimmt nur Zufall. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, haben wir uns gut verstanden. Das hat bestimmt nichts mit mir zu tun. Sie ist sicherlich nur gestresst.“

Die Figur muss ihr Misstrauen nicht ausdrücklich benennen. Schon die Fragen, die sie sich stellt, und die Art, wie sie versucht, ihre Zweifel zu erklären, machen deutlich, dass sie misstrauisch und verunsichert ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass sie versucht, ihre Vermutung zu verdrängen und eine harmlose Erklärung zu finden. Durch den inneren Monolog entstehen mehr Nuancen, und die Gefühlslage der Figur wirkt komplexer und glaubwürdiger.

Wie du in dem Beispiel erkennen kannst, sind Gedanken nicht immer vollständig und logisch formuliert. Je nach Situation können sie sprunghaft, widersprüchlich oder unvollständig sein. Eine Figur, die unter Stress steht, denkt beispielsweise nicht unbedingt in langen, ausformulierten Sätzen, sondern springt gedanklich von einem Gedanken zum nächsten. Auch dadurch lässt sich ihr innerer Zustand vermitteln.

Allerdings solltest du nicht jeden Gedanken deiner Figur ausführlich wiedergeben. Nicht alles, was eine Figur denkt, ist für die Leser:innen relevant. Wähle vor allem Gedanken aus, die etwas über die Figur oder die Situation verraten, einen Konflikt verdeutlichen oder ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen.

Typische Fehler bei „Show, don’t tell“

  • Zu viele körperliche Reaktionen können einen Text unnötig aufblähen. Wenn eine Figur nervös ist, muss sie nicht gleichzeitig zittern, schwitzen, mit dem Fuß wippen, auf die Uhr schauen und sich auf die Lippe beißen. Eine oder zwei präzise Beobachtungen können wesentlich stärker wirken.
  • Ein weiterer Fehler besteht darin, etwas zuerst zu zeigen und anschließend noch einmal zu erklären.  Beispiel: „Er ließ die Schultern sinken und starrte auf den Boden. Er war traurig.“ Wenn die erste Beschreibung die Traurigkeit bereits vermittelt, ist die anschließende Erklärung überflüssig.
  • Die Figur sollte außerdem nicht plötzlich etwas tun, das sie sonst nie tun würde, nur damit die Leser:innen eine bestimmte Information erhalten. Die Handlung muss zur Figur und zur Situation passen und sollte sich natürlich aus der Szene ergeben.
  • „Show, don’t tell“ bedeutet nicht, dass du „Tell“ grundsätzlich vermeiden musst. In manchen Fällen ist Erzählen die bessere Wahl. Die Kunst besteht darin, zu entscheiden, welche Informationen eine Szene verdienen und welche besser erzählt werden.

Wann ist „Tell“ die bessere Wahl?

Wenn du das „Show, don’t tell“-Prinzip anwendest, heißt das nicht, dass du niemals erzählen solltest. Im Gegenteil: Zeigen und Erzählen haben beide ihre Berechtigung. Tell eignet sich besonders für Informationen, die nicht genug Bedeutung haben, um ausführlich dargestellt zu werden. Auch Übergänge, Zusammenfassungen und Zeitverläufe lassen sich auf diese Weise effizient vermitteln.

Beispiel:

„Wir verabschiedeten uns mit einem kurzen, festen Händedruck, bevor ich mich durch die drängende Menschenmenge schob, um nach draußen in die laue Sommernacht zu treten. Es verging einige Zeit, bis wir uns das nächste Mal sahen. Ich war gerade auf dem Weg zu Sabea und spät dran, weshalb ich die Abkürzung durch den Park nahm. Ich muss zu lange auf meine Füße geschaut haben, die immer wieder zwischen den bunten Blättern auf- und untertauchten, sonst hätte ich ihn vermutlich früher bemerkt. Als ich den Kopf hob, sah ich aus dem Augenwinkel gerade noch, wie er an mir vorbeiging.“

Auch ohne ausdrücklich zu erwähnen, wie viel Zeit vergangen ist, erhalten die Leser:innen durch die Beschreibung der Jahreszeit einen Hinweis darauf, dass zwischen den beiden Begegnungen einige Zeit liegen muss. Du könntest natürlich genauer beschreiben, dass Wochen oder Monate vergangen sind. Wenn in dieser Zeit jedoch nichts für die Handlung Relevantes passiert, wäre das unnötig.

Hier zeigt sich auch, dass Show und Tell das Erzähltempo einer Geschichte beeinflussen können. Ausführliches Zeigen macht einen Moment langsamer und unmittelbarer. Tell kann dagegen größere Zeiträume oder weniger wichtige Ereignisse schnell zusammenfassen.

Du kannst also nicht grundsätzlich sagen, dass Show besser ist als Tell. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welcher Moment verdient es, ausführlich erlebt zu werden, und welche Information soll einfach schnell vermittelt werden?

Besonders emotionale, dramatische oder wichtige Szenen profitieren häufig vom Zeigen. Zusammenfassungen, Übergänge, Routinen und bestimmte Formen von Exposition können dagegen durch Tell deutlich besser funktionieren. Insbesondere bei Science-Fiction- und Fantasyromanen ist es kaum möglich, das Worldbuilding nur durch Zeigen zu vermitteln. Wenn eine kurze Erklärung verständlicher und für den Lesefluss sinnvoller ist, lohnt es sich, auf das Erzählen zurückzugreifen.

Show und Tell kombinieren

Du kannst Show und Tell an passenden Stellen auch miteinander kombinieren, indem du dein Tell durch konkrete Hinweise oder Beobachtungen belegst. Dabei solltest du allerdings darauf achten, dass sich die Aussagen nicht einfach wiederholen, sondern einem Zweck dienen.

Beispiel:

„Sie betraten zögerlich das heruntergekommene Haus. Es muss schon seit längerer Zeit unbewohnt sein“ ist Tell, da hier direkt benannt wird, in welchem Zustand sich das Haus befindet.

Im nächsten Satz könntest du diesen Eindruck durch konkrete Details zeigen:

„Sie betraten zögerlich das heruntergekommene Haus. Das fahle Licht, das von außen durch das zerbrochene Fenster in den Raum drang, ließ nur wenig erkennen. Über ihnen hing die dunkle Holzdecke so tief, dass es den Anschein machte, ein schwarzer Himmel würde über ihnen lauern. Tote Blätter, die der Wind von draußen hereingetragen haben musste, bedeckten den Boden und verbreiteten einen modrigen Geruch. Selbst in den Rissen der aufgeplatzten Wände wucherte Unkraut, dessen Ranken sich wie knochige Finger an den Mauern emporzogen.“

So erhalten die Leser:innen konkrete Hinweise darauf, woran die erzählende Figur erkennt, dass das Haus heruntergekommen ist. Dass das Haus seit längerer Zeit unbewohnt ist, wird durch die Beschreibung des Hauses indirekt vermittelt. Gleichzeitig entsteht eine bestimmte Atmosphäre und die Leser:innen können sich die Szene vor ihrem inneren Auge besser vorstellen.

An einer anderen Stelle kann uns die Kombination aus Show und Tell auch Hinweise auf den Charakter einer Figur geben. Handelt es sich beispielsweise um einen Prinzen, der sein Leben lang in einem prächtigen Palast gewohnt hat und nun zum ersten Mal auf ein einfaches Bauernhaus trifft, würde er das Haus vermutlich als „heruntergekommen“ bezeichnen, obwohl es ein normales Bauernhaus ist.

Beispiel:

Sie betraten zögerlich das heruntergekommene Haus. Der abgenutzte Holzboden knarrte unter ihren Schritten, an den Wänden blätterte die Farbe ab und durch die kleinen Ritzen in den Fensterläden zog kalte Luft herein. Der Prinz verzog angewidert das Gesicht. Wie konnte man nur freiwillig an einem solchen Ort leben?

Seine Einschätzung verrät dabei nicht nur etwas über den Zustand des Hauses, sondern vor allem über seine eigene Herkunft und seine bisherigen Lebensumstände. Gleichzeitig zeigt seine Reaktion, wie er selbst die Situation wahrnimmt. Er wirkt dadurch möglicherweise verwöhnt oder weltfremd.

Show liefert also konkrete Hinweise, die das vorherige Tell unterstützen und gleichzeitig zusätzliche Informationen über die Figur vermitteln.

Wie kannst du deinen Schreibstil verbessern?

„Show, don’t tell“ lässt sich wie jedes andere Schreibwerkzeug üben. Es geht darum, deine Schreibfertigkeiten weiterzuentwickeln und deinen eigenen individuellen Stil zu finden. Eine einfache Methode besteht darin, zunächst bewusst zu erzählen und den Text anschließend zu überarbeiten. So kannst du deinen Schreibstil nach und nach verbessern.

Beispiel:

  1. Situation:
    Sarah genießt einen Tag am Meer. Sie ging am Strand entlang und freute sich über die schöne Umgebung. Die Sonne ging unter und es war eine angenehme, ruhige Stimmung.

  2. Frage dich anschließend:
    Woran merkt man, dass Sarah die Situation genießt? Was sieht, hört, riecht oder fühlt sie? Was tut oder denkt sie, während sie am Strand entlanggeht?

  3. Aus der ursprünglichen Aussage kann dann eine konkrete Szene entstehen:
    „Sarah zog ihre Schuhe aus und ging barfuß am Strand entlang. Der Sand war noch warm. Das Wasser berührte ihre Füße, während sie am Ufer entlangging. Die Sonne ging bereits unter und färbte den Himmel orange und rot. Sarah blieb stehen, schloss die Augen und atmete die salzige Luft ein. Sie hörte das Rauschen der Wellen statt ihrer üblichen Alltagsgeräusche. Ihre Gedanken wurden ruhiger und leichter.“

  4. Die Szene kannst du nun mit einer konkreteren Wortwahl verbessern:
    „Sarah zog die Schuhe aus und spürte den warmen Sand an ihren Füßen. Das Wasser umspülte ihre Knöchel, während sie langsam am Ufer entlangging. Über dem Meer versank die Sonne und tauchte den Himmel in ein sanftes Orange-Rot. Für einen Moment blieb sie stehen, schloss die Augen und zog tief die salzige Luft ein. Sie konnte endlich aufatmen. Kein Geschrei. Kein Lärm. Kein Gedankenchaos. Alles, was sie hörte, war das gleichmäßige Rauschen der Wellen.“

Du wirst beim Üben schnell merken, dass „Show, don’t tell“ deine eigene Kreativität herausfordert. Wenn du eine Information nicht einfach benennst, musst du überlegen, welche Handlung, Wahrnehmung oder welches Detail sie stattdessen vermitteln könnte. Dadurch können eindrückliche und individuellere Beschreibungen entstehen.

Gerade beim Manuskriptschreiben ist es völlig normal, zunächst vieles zu benennen oder zusammenzufassen. In der Überarbeitung kannst du gezielt die Stellen herausgreifen, die mehr Wirkung brauchen, und überlegen, wie du sie durch eine konkrete Handlung, Wahrnehmung oder ein präzises Detail lebendiger machen kannst. Auch das Feedback deiner Testleser:innen kann dir dabei helfen, solche Stellen zu erkennen. So wird „Show, don’t tell“ zu einem Werkzeug, das dir hilft, deinen Text bewusster zu gestalten und deinen eigenen Schreibstil weiterzuentwickeln.

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Fazit

„Show, don’t tell“ macht deinen Schreibstil lebendiger, bildhafter und emotionaler. Statt Leser:innen immer direkt zu sagen, was eine Figur fühlt, denkt oder welche Charaktereigenschaften sie hat, kannst du ihnen konkrete Hinweise geben: durch Handlungen, Dialoge, Körpersprache, Sinneseindrücke, Gedanken und vieles mehr.

Dabei geht es jedoch nicht darum, jede Szene möglichst ausführlich zu beschreiben. Gutes Erzählen besteht aus einem bewussten Wechsel zwischen Show und Tell.

Merke dir deshalb: Tell gibt eine Information. Show gibt Leser:innen die Möglichkeit, sie selbst zu erkennen und zu verstehen.
Genau dieses Vertrauen in die Leser:innen macht „Show, don’t tell“ zu mehr als einer einfachen Schreibregel: Es wird zu einem Werkzeug, mit dem du Geschichten nicht nur erzählen, sondern für deine Leser:innen erlebbar machen kannst.

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